Was wirklich bräuchte das Kind?

Einsamkeit und Schwierigkeit, eine enge Beziehung aufzubauen….das ist es, was zum Psychologen führt, wenn etwas damals im Leben eines Kindes nicht geklappt hat, als Verhaltensmuster in alle künftigen Beziehungen des Kindes übernommen wurde, seine Eistellung zum Leben und seinen Sinn für Sicherheit im Leben prägte. Oft werden in der Beratung die kindlichen Erfahrungen untersucht, egal mit welchem Thema man kommt.

Es wurde kürzlich eine kleine private (nicht repräsentative) Umfrage geführt (Stichprobe – 50 Personen) zum Thema „Was wäre unsere wesentlichste und wichtige Pflicht unseren Kindern zu geben?“. Antworten wurden wie folgt gruppiert:

·       Bildung (Ausbildung, Fremdsprachenkenntnisse, Musikunterricht usw.) – 25 Personen (50%)

·       gesunde Gewohnheiten (Ernährung, Sport, gesunde Lebensweise) – 10 (20%)

·       stützende Umgebung (Verwandtschaft, Freunde, nützliche Kontakte) – 4 (8%)

·       Fertigkeiten (Kochen, Auto fahren usw.) – 9 (18%)

·       eigene Werte/Ideale vermitteln – 2 (4%)

·       Erfahrung der Liebe, Vertrautheit, Zuverlässigkeit - 0.


Ich bin sicher, dass alle Punkte dieser Umfrage wichtig sind, nur Vorteile für das Kind bringen und aus der größten Liebe und Aufrichtigkeit genannt wurden ... und dass der letzte Punkt, an den keine der befragten Personen bewusst gedacht hat, als „selbstverständlich immer gewährt“ betrachtet wurde.

Und genau der letzte Punkt das Verhaltensmuster für alle künftigen Beziehungen des Kindes, seine Eistellung zum Leben und seinen Sinn für Sicherheit im Leben bestimmt.

Und genau der letzte Punkt zu der Reifung der sozialen Intelligenz am meistens beiträgt. Nach neusten neurologischen Erkenntnissen stellte es sich heraus, dass beim Telefonieren oder Kommunizieren in sozialen Netzwerken die Teile des Gehirns, die „für Vertrautheit“ verantwortlich sind, inaktiv bleiben. Sie sind nur beim direkten Kontakt aktiviert, am besten wenn wir uns gegenseitig in die Augen schauen.

Dann wurde allen 50 Personen folgende Frage gestellt: „Können Sie sich erinnern, wenn Ihr Kind Sie anlächelte?“

Antworten waren: Ich kann mich nicht erinnern… mich persönlich vor einiger Zeit… es lächelt während es Trickfilme anschaut…mit dem Smartphone/Tablet spielt…mit anderen Kindern spielt.

Was erwartet tatsächlich das Kind von seinen Eltern?

Man kann das Thema unendlich fortführen und diskutieren. Ich versuche das im Namen des Kindes zu Papier bringen.

Also.

Mama und Papa, es ist mir sehr wichtig zu fühlen:

solang ich noch sehr klein bin, lerne ich das, was ihr „Selbsthilfe“ nennt, nur dank euren Ermunterung und Unterstützung. Nur dann kann ich als Erwachsene für sich selbst und andere sorgen.

Ich verstehe gelegentlich nicht, was in mir geschieht, manchmal weine ich um nicht einfach von innerer Unruhe in die Stücke zerrissen zu werden. Wenn ihr mir ruhig hilft, meine Gefühle zu ertragen und nicht zurück schreit, wenn ihr mir erklärt, was mit mir geschieht, lerne ich mit meinen Gefühlen umzugehen. Ich werde es bis zum Alter von 8-9 Jahren erlernen. Bis ich etwa 3 Jahre alt bin, empfange ich unbewusst vielmehr die Gefühle meiner Mutter und gebe die weiter.

Wenn ich wütend bin, tut es bitte nicht persönlich zu nehmen, so könnt ihr meine Gefühle leichter ertragen.

Wenn ich 1-2-3-4 oder sogar 5 Jahre alt bin, denkt bitte daran, dass ich immer noch zu klein bin, gleichzeitig stark etwas zu wollen und zu verstehen, was in mir geschieht.

Wenn ich verärgert oder wütend bin, höre und verstehe ich nicht, was ihr mir sagt.

Erzieht mich in jedem Alter nur wenn ihr und ich ausgeruht sind.

Ich sehne mich nach eurem Blickkontakt. Es ist wichtig, dass ich von euch „gesehen“ werde. So fühle ich mich im Leben angekommen. Was ich an euren Augen ablese, wird meine Haltung sein. Wichtig für mich ist mit Bewunderung angesehen zu werden.

Jedes Mal, wenn ihr mich berührt, fühle ich mich lebendig und beachtet. Wenn ich eure Nähe und Berührungen nicht spüre, werde ich krank, kann meinen Harndrang nicht mehr kontrollieren oder werde euch anderswie provozieren.

Ich halte es für wichtig, dass ihr immer grösser seid als ich, mich in die Welt einführt und mich in euren Armen haltet. Und nicht ich bin die Eltern für euch.

Es ist sehr wichtig für mich eure Sorgen annehmen zu lernen. Um dies tun zu können, muss ich sicher sein, dass ihr euch nicht selbst opfert. Und wenn ihr euch um mich kümmert, habt ihr bereits für sich gesorgt.

Wenn ihr sagt: „Ich mach es wegen dir ...“, wenn ihr mich eures negativen Gefühls beschuldigt, habe ich Angst, euch und eure Liebe zu verlieren. Dann nehme ich „euch auf den Arm“, was für mich genau so schmerzhaft und schwer ist. Oder ich lasse meine Gefühle „einfrieren“, um keine Angst und Schmerz zu spüren. Als Erwachse habe ich dann keinen Zugang zu meinen verdrängten Gefühlen.

Ich habe Angst zu fühlen oder zu hören, dass ihr wegen mir es schwer habt. Ich interpretiere es unbewusst, als ihr mich für die Tatsache verantwortlich macht, dass ich lebe und euch ein Leben schulde.

Nur wenn ich mich in der Sicherheit fühle, kann ich mich entspannen und von euch lösen.

Ich brauche Zeit, um mich an neue Leute und neue Orte zu gewöhnen. Wenn ich sehe, dass ihr neue Leute kennenlernt, mit jemandem sprecht, jemanden berührt - diese Leute werden auch für mich vertraut.

Je größer das Gefühl der Sicherheit, das ich von euch bekomme, desto mehr kann ich von euch unabhängig werden.

 

Ihr meint, ich werde als kleines Kind verwöhnt immer auf dem Arm getragen zu sein? Eure Hände sind mein Nest. Wichtig für mich ist so lang dort bleiben zu dürfen, bis ich mich stark genug fühle. Nur wenn ich kein Gefühl von Wärme und Unterstützung in euren Händen spüre, werde ich von euch abhängig, gemein, provozierend oder krank. Oder ich verzichte ganz auf meine Bedürfnisse und Gefühle. Als Erwachse habe ich dann wieder keinen Zugang zu meinen verdrängten Gefühlen.

Ich bin immer, in jedem Alter denjenigen völlig ausgeliefert, denen ich vertraue. Eure Kritik und Auslachen verletzten mich.

Wichtig für mich ist zu sehen und zu lernen, dass Erwachsene für sich selbst sorgen müssen, dass Mama und Papa Zeit brauchen, um sich auszuruhen.

Es ist nicht notwendig alle meine Wünsche zu erfüllen. Ich muss lernen, diesen Stress zu verkraften. Aber mir ist es wichtig, dass ihr meine Gefühle in diesem Moment erkennt, wenn ich das, was ich will, nicht bekomme.

Ich kann keine „gemischten“ Gefühle haben, ich lerne dies erst im Alter von 7-8 Jahren. Ich kann entweder lieben oder hassen, glücklich oder wütend sein. Ich weiß nicht, wie man „die Situation von der anderen Seite“ sehen kann. Bisher kenne ich nur schwarz oder weiss.

Wenn ihr sagt: „Aus seinen Fehlern muss man lernen!“, verstehe ich das noch nicht. Meine Fehler einzusehen ist für mich unerträglich. Es wäre einfacher, wenn ihr meine Gefühle benennt und mir erklärt, dass traurig oder wütend zu sein völlig normal ist, wenn man Fehler macht. Und erst dann sprecht darüber, dass ein Fehler zum Sieg führen kann. Dass ist für mich in jedem Alter wichtig zu wissen, dass ich mir einen Fehler erlauben kann. Als Kind brauche ich eure Hilfe, um zu sehen, dass ich schon ein Sieger bin.

Ich kann nicht sagen, wen ich mehr liebe. Eine Antwort auf diese Frage würde mir das Herz brechen. Ich kann nicht sagen, wem ich ähnlicher bin. Ich will Mama und Papa ähnlich sein, egal wo sie gerade sind. Und es wichtig für mich, euer Einverständnis  zu spüren, mich auf eure Liebe stützen zu dürfen, egal, was mit eurer Beziehung passieren mag.

Manchmal brauche ich die Umarmung meiner Mutter oder das Einschlafen neben meiner Mutter um ihren Duft, ihre Atmung und ihren Herzschlag zu fühlen. Das hilft mir mit meinen Ängsten fertig zu werden.

Wenn wir zusammen auf dem Sand oder Rasen barfuß laufen, Blumen anschauen, Schneebälle werfen, wenn ihr mir zeigt, wie unterschiedlich Sinneseindrucke sein können - Geschmack, Licht, Kälte, Wärme, Aromen, Rauheit, Glätte, Volumen, Helligkeit, Dunkelheit, Bewegung - es verbindet mich mit dem Leben. Und es hilft mein Gehirn besser zu trainieren als viele Kurse für frühkindliche Entwicklung.

Solange mein Gehirn nicht reif genug ist (bis zum Alter von 8-9 Jahren) um meine Welt selbständig zu organisieren, sind mir die Regeln sehr wichtig. Ich brauche eine Routine, meine täglichen Rituale und gleichbleibende Angewohnheiten. Es ist mir sehr wichtig, dass ihr mich daran erinnert. Wenn ihr mal etwas verbietet, mal erlaubt, werde ich wütend oder bekomme Angst.

Wenn ihr sagt: ,,Hab keine Angst“, kann ich nie aufhören, Angst zu haben. Ich fühle mich beschämt. Ich habe dann kein Vertrauen in mich selbst oder in euch. Und ich fühle mich einsam. Ich höre auf Angst zu haben, wenn ihr mich umarmt, und wir uns gemeinsam meine Angst anschauen.

Wenn ich 3-4-5 Jahre alt bin und sage: „Es ist mir langweilig“, brauche ich nicht sofort ein Tablet oder Smartphone in die Hand gedrückt, auch ihr müsst mich nicht unterhalten. Es ist wichtig herauszufinden, was ich selbst tun werde. Das ist der einzige Weg, das Genießen zu lernen. Ihr könnt mir sagen: „Langweile dich ein wenig, eine neue Idee kommt bestimmt“.

Für mich ist es sehr, sehr, sehr, sehr wichtig zu spielen. Je mehr ich als Kleinkind spiele, desto mehr entwickeln und festigen sich viele Fertigkeiten, die mich „bereit für die Schule“ machen.

Wenn ich mit euch spielen will, bedeutet das, dass ich eure Nähe suche. Ich weiß nicht, dass das Spielen für euch möglicherweise anstrengend oder schwer ist, oder ihr müde seid. Wenn ihr sagt: „Lass uns lieber lesen“, bin ich eher einverstanden. Ich habe mein Ziel erreicht. Das nächste Mal frage ich wahrscheinlich: „Lesen wir?“ anstatt „Spielen wir?“

Ich spüre es immer, wenn ihr etwas mit Überwindung oder unaufrichtig tut. Nun denke ich, ihr mögt mich nicht oder verbergt etwas. Sagt mir ehrlich, dass ihr müde seid oder gerade etwas tun musst. Bitte seid mit mir immer aufrichtig, macht das, was euch selbst Freude bringt. Ich brauche gerade nur eure Nähe.

Meine Tränen sind kein Zeichen von meiner Schwäche, oder dass ihr schlechte Eltern seid. Das ist nur meine Strategie mit Stress und Anspannung umgehen. Ein Kind, das weinen kann, ist resistenter gegen die Lebensschwierigkeiten als das, dessen Tränen „eingefroren“ sind. Ich weiß nicht, dass meine Tränen eure einmal nicht vergossenen Tränen „auftauen“. Und es für euch doppelt so schwer ist bei mir zu sein, wenn ich weine. Ich weine nur vor Personen, denen ich hundertprozentig vertraue.

Wenn ihr zu mir sagt: „Reiß dich zusammen“, kann ich es nur tun „mit euren Händen.“ Nur mit eurer Hilfe. Meine Selbstkontrolle erreiche ich nur im Alter von 10 Jahren.

Wenn ihr sagt: „Du bist heute unmöglich, ich will dich nicht mehr sehen“, folge ich euch aus Angst. Und werde sogar gehorchen. Ich bin bereit für alles um euch nicht zu verlieren. Aber wenn ihr meine Liebe durch meine Angst bekommt, betäubt meine Angst meine Gefühle. Und mein Bedürfnis auf eure Nähe. Als Erwachse habe ich dann wieder keinen Zugang zu meinen verdrängten Gefühlen.

Ich kann nur dann liebevoll oder stark sein, wenn ich mich bei euch in der Sicherheit fühle. Nur wenn ich den Eindruck habe, dass ihr alle meine Gefühle aushaltet.

Ich will immer wissen, dass ich zu meinen Eltern, zu meiner Familie gehöre. Es ist sehr wichtig für mich das „wir“ zu hören.

Wenn ich eine lange Zeit gespannt auf etwas warte, ein Geschenk oder ein Fest, dann kann sein, wenn es soweit ist, dass ich als taub und gleichgültig zu sein scheine. Meine Reaktion bedeutet nicht, dass ich nicht zu schätzen weiss, was ihr mir gebt. Einfach schützt mich mein Gehirn vor Enttäuschung und Überlastung. Gibt mir ein wenig Zeit.

Für mich ist es wichtig zu verstehen, was „mein“ bedeutet und was dazu gehört. Und ich werde mein „mein“ verteidigen, wenn ihr gestattet. Erlaubt mir das nicht zu teilen, bevor ich das voll genossen habe. Und danach lerne ich sowohl „mein“ als auch „dein“ und „euer“ zu respektieren.

Wenn ich gesund, in der Sicherheit und nicht durch verschiedene Reize überwältigt bin, möchte ich immer neue Dinge lernen.

Es ist mir immer wichtig zu wissen, dass für euch unsere gute Beziehung wichtiger ist, als das Alphabet und Zahlen zu lernen und als die zerbrochenen Tassen und die verschmutzte Kleidung.

Wenn ihr in jedem Alter mich mit jemandem vergleicht, so scheint es mir, als ich für euch nicht gut genug bin. Ich werde dadurch nicht besser, ich höre immer mehr und mehr auf mich selbst zu lieben.

Ich brauche jederzeit eure Liebe und Vertrautheit für meine Entwicklung. Wenn ich dieses Gefühl nicht bekomme oder ihr nicht in der Nähe seid, bin ich bereit, eure Gewohnheiten, eure Krankheit, euer Schicksal zu teilen, um die emotionale Verbindung zu euch zu erhalten. Wenn ich eure Liebe und Vertrautheit als emotionale Unterstützung empfange, brauche ich keine Verschmelzung mit euch und lasse meine Individualität entfalten.

Wichtig es für mich zu hören, dass manchmal schlechte Dinge sehr guten Leuten und Kindern passieren.

Ich lerne immer von euch, egal ob ihr es seht oder nicht. Ich kann nichts von euch lernen, was ihr nicht besitzt. Und ich verstehe nicht, warum ihr auf mich wütend seid, in mir eure Züge zu sehen.

Ich muss immer spüren, dass ihr für mich mehr Liebe, Geduld und Zuwendung habt als ich es brauchen kann. Dass alle meine Ängste, Wutanfälle und negative Emotionen in eurer unendlichen Liebe sich auflösen können.

Ich stehe gern eure Unvollkommenheit und Wutausbrüche durch. Ihr könnt mich manchmal bestrafen. Ich ertrage andere euren Fehler. 30% von eurem inadäquaten Verhalten halte ich aus. Am wichtigsten ist es für mich, dass ihr fast immer in meiner Nähe seid.

Mama und Papa, ich liebe euch. Und es ist für mich wichtig, über eure Liebe zu wissen. Sie ist für mich nicht immer erkennbar. Solang ich klein bin, liebe ich mich durch eure Liebe. Aus eurer Liebe wächst meine Liebe zu mir.